6 Milliarden Bahnpassagiere jährlich in Indien

Gullivers Reisen

In Indien nehmen mehr als sechs Milliarden Menschen jährlich die Bahn. Das sind fast so viele Passagiere, wie es Menschen auf der Welt gibt.

Dass das funktioniert, gleicht einem Wunder.

Gullivers Reisen

„Kaufe kein Essen im Zug. Nimm nichts von anderen Passagieren. Wasche Obst nie in der Toilette, hast du gehört?“ Sie stand vor ihm, schwarze Djellaba, die Augen verweint, nervöser als sonst. „Kette deine Tasche an die Drahtseile unter dem Sitz. Du weißt, dass sie deinem Onkel das Gepäck gestohlen haben, als er zur Hochzeit seines Neffen nach Ahmedabad fuhr.“ Er hat ihre Stimme noch im Ohr, den Duft ihres Haares in der Nase beim Abschiedskuss. „Gib Acht, mein Junge, Allah sei mit dir.“

Sieben Uhr morgens. Aamir Siddiqui steht an Gleis 9, New Delhi Railway Station. Gleich soll Zug Nummer 2904 einfahren, der Golden Temple Mail. Es ist der Zug, auf den Aamir wartet. Eine Woche war er bei seiner Familie in Meerut. Seine Großmutter war gestorben. Jetzt fährt er zurück nach Pune, wo er studiert. Die Reisenden drängen sich über den Bahnsteig. Bunte Saris leuchten in der Morgensonne. Kleine Männer mit aufgekrempelten Hosenbeinen schieben barfuß Karren mit Koffern, Paketen, Säcken. Ein Junge verkauft glasiertes Gebäck. Die Luft ist schon warm und schwer. Es riecht nach Kot und Schmierfett. Lautsprecherdurchsage: Zug Nummer 2904 hat eine halbe Stunde Verspätung. Any Inconvenience is deeply regretted. Aamir lacht: „Der Golden Temple Mail hat immer Verspätung.“

Wunderschöner, langer Artikel über die indische Eisenbahn (hier klicken für den ganzen Artikel) in der brand eins 10/2008 – SCHWERPUNKT: Improvisation. Hier der letzte Absatz:

Der Westen glaubt Indien auf dem richtigen Weg.
Dabei ist die Infrastruktur des Landes noch total neben der Spur

Wenn die Eisenbahn das Fenster Indiens ist, dann wirft das Fragen auf. So wie Indien auf sein Wachstum schielt und dabei rund 400 Millionen Analphabeten unterschlägt; so wie das Ausland sich von IT-Boom, neuer Mittelklasse und Großkonzernen wie Tata blenden lässt, weil der den europäischen Stahlgiganten Corus und die Automobilfirma Jaguar gekauft hat, während laut Weltbank jeder dritte in Armut lebende Mensch in Indien zu Hause ist; so ist die Eisenbahn ein Paradebeispiel für die Zweiteilung des Landes.

Die Zahlen mögen imposant sein, die Prognosen optimistisch, die Welt dahinter besteht aus Flickwerk und Widerspruch. „In China war die Infrastruktur vorhanden, als das Wirtschaftswachstum anzog, in Indien ist das nicht so“, sagt Amitabh Khosla vom Interessenverband Confederation of Indian Industry, „deshalb stoßen wir jetzt überall an Grenzen.“ Der ehemalige Indian-Railways-Manager Vaish würde den OSD Kumar gern fragen: „Warum ist unsere Fracht doppelt so teuer wie in China? Warum halten Gleise in Südafrika sechsmal länger? Wieso können 110 000 Angestellte in den USA sechsmal so viele Güter auf die Schiene bringen wie wir?“

Mahilapandian weiß davon nichts. Es interessiert ihn auch nicht. Während der Fahrt erzählt er, wie man in Stoßzeiten aussteigt: Sich zwei Stationen vorher in Position bringen, dann „wie ein Baby bei der Geburt langsam nach draußen drü cken“. Jetzt steht er auf dem Bahnsteig der Station Mira Road, hinter der bereits Äcker und Wiesen beginnen, und erzählt von seinem größten Abenteuer. Es war an der Station Masjid. Er wollte auf einen Zug aufspringen, der bereits angefahren war. Er lief, lief, lief. Dabei übersah er, dass der Bahnsteig zu Ende war, stürzte, fiel auf die Gleise. Über ihm kreischten die Menschen vor Schreck, doch irgendwie gelang es ihm, sich blitzschnell neben die Schienen zu rollen. „Bachgaya“, riefen die Menschen. „Er hat überlebt! “ – „So ist Indien“, ruft Mahilapandian begeistert, „wir wissen uns in jeder Situation zu helfen.“

Der Himmel ist grau, bald wird es dunkel. Mahilapandian verabschiedet sich, wartet mehrere Züge ab, die donnernd durch die Station rasen, steigt über die Gleise, hinein in eine bunte Budenstraße. Der Trampelpfad zwischen den Buden ist vom Monsun aufgeweicht, Schlamm spritzt ihm auf Schuhe und Hose. Am nächsten Tag wird er eine E-Mail schreiben: „Können Sie sich an mich erinnern? … Ich habe Ihnen viel Input über die Eisenbahn des Landes gegeben. … 2020 mein Land INDIEN WIRD SEIN unter den voll entwickelten Nationen wie die USA und China. Wir sind auf dem Weg. … Bleiben wir in Kontakt.“

Hier klicken für den kompletten Artikel über die indische Eisenbahn

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Published in: on 5. April 2010 at 21:23  Schreibe einen Kommentar  
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